Direkt zum Inhalt

Inklusion ernst nehmen könnte das in Österreich 100-jährige Gemurkse um die Gesamtschule lösen

Bildungspolitik ist bei den Neuwahl-Diskussionen 2019 bisher kein zentrales Thema, manche Konfliktpunkte gehen ganz unter zum Beispiel die schulische Inklusion von behinderten Kindern und Jugendlichen. Dies entspricht langjährigen Entwicklungen. Kinder mit Behinderungen waren immer schon abgesondert oder Spielball eines selektiven Bildungssystems.

Zwischen Förderung, Verwahrung und Vernichtung

In der Zwischenkriegszeit, den 1920/30er-Jahren, waren in Österreich circa 6.000 behindert Kinder ohne Schulbildung und ohne Grundversorgung. Die christlich-sozialen Bildungspolitik orientierte sich an Gymnasien, behinderte Kinder wurden vorwiegend den Familien überlassen (im Sinne von „Familien-Subsidiarität“) oder großen, meist kirchlichen Verwahranstalten. Die Sozialdemokraten kämpften für eine Gesamtschule, behinderte Kinder sollten davon getrennt in Sonderschulen als „Hilfsschüler erwerbs- und gesellschaftsfähig“ gemacht werden (nach Otto Glöckel). Eine erste Welle an Sonderschulgründungen (vor allem in Wien) ist zu verzeichnen. In der Zeit des Nationalsozialismus war die Leistungsfähigkeit für die „Volksgemeinschaft“ das Selektionskriterium für die Frage Sonderschulbildung oder Vernichtung. Eines der großen Tabuthemen bis heute ist, wie die Sonderpädagoginnen und -pädagogen und die Heilpädagogik in Österreich diese tödliche Eugenik mitgetragen bis aktiv betrieben haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist in Österreicher, ohne aus der Geschichte zu lernen, in einer neuerlichen Gründungswelle ein vielgliedriges Sonderschulsystem errichtet worden. In der heftig geführten Gesamtschuldebatte der 60er- bis 80er-Jahre blieben behinderte Kinder von allen Seiten völlig unberücksichtigt.

Stationen der Bildungspolitik zwischen Inklusion und Besonderung

Elterninitiativen gemeinsam mit engagierten Pädagoginnen und Pädagogen erreichten unter dem Eindruck internationaler Entwicklungen in den 1980er-Jahren unter Unterrichtsminister Herbert Moritz (SPÖ) erste integrative Schulversuche und eine Arbeitsgruppe im Unterrichtsministerium. Unterrichtsminister Rudolf Scholten (SPÖ) und Familienministerin Maria Rauch-Kallat (ÖVP) setzten sich für schulische Integration ein, Scholten formulierte 1992 eine historische Grundsatzerklärung für den gemeinsamen Unterricht, in der er „die Entwicklung der Schule zu einer Schule unter Einschluß aller Kinder als zentrale Notwendigkeit zur Wahrung des Wohles behinderter wie nichtbehinderter Kinder“ bezeichnete.

Unterrichtsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) änderte die Richtung 1996 zu einem Doppelprinzip Sonderschule und Integration, die „gleichberechtigt nebeneinander bestehen“ bleiben sollten. Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) ignorierte schulische Inklusion auf ihrer bildungspolitischen Agenda, ihr Bürochef Kurt Nekula formulierte später (2016 als Sektionschef) eine weitere bildungspolitische Linie, die die Funktion der Sonderschule erweiterte: Sonderschulen sollten für alle Kinder geöffnet werden. Als nächstes war dann Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) dran: sie wagte ein Bekenntnis zur Inklusion nach dem Vorbild der skandinavischen Länder und Südtirol“.

Das schwarz/türkis-blaue Regierungsprogramm 2017-2022 wandte wieder zurück zu „Erhalt und Stärkung des Sonderschulwesens“. Der einzige Beitrag, der unter Bildungsminister Heinz Faßmann dazu zu erkennen war, ist die jetzt gültige Verordnung, den Sonderpädagogischen Bedarf wieder kausal an Krankheit zu binden. Dies wendet sich gegen das soziale Modell von Behinderung nach der UN-Behindertenrechtskonvention und gegen die komplexen Modelle der Weltgesundheitsorganisation.

Ergebnis der Entwicklung?

In einem regional sehr unterschiedlichen Entwicklungsprozess kam es unter diesen Bedingungen seit den 1990er-Jahren zu einer starken Ausweitung der Zuschreibung Behinderung als „Sonderpädagogischer Förderbedarf“. Der Nationale Bildungsbericht 2015 kommentierte: „Die eigentlich erfreuliche Steigerung der Integrationsquote geht leider vor allem darauf zurück, dass heute in den allgemeinen Schulen mehr Kinder und Jugendliche einen SPF [Sonderpädagogischer Förderbedarf, Anmerkung] attestiert bekommen, sich die Anzahl der Sonderschüler/innen aber nur wenig verringert.“ Langfristige Ausweitungspolitik und nur ein geringes Maß an Inklusionspolitik ist zu konstatieren. Um die Rechte von Kindern ging und geht es dabei nur peripher. Dabei könnte ein Ernstnehmen von Inklusion das in Österreich 100-jährige unauflösbare Gemurkse um die Gesamtschule lösen und tatsächlich den Blick auf die Vielfalt von Kindern lenken.

Quelle: derstandard.at / Volker Schönwiese

Volker Schönwiese ist Hochschullehrer an der Universität Innsbruck (a.o.Univ.-Prof.i.R.) mit Schwerpunkt Inklusive Pädagogik und Disability Studies sowie Teil der internationalen Behindertenrechtsbewegung – Selbstbestimmt Leben Bewegung und Benutzer eines elektrischen Rollstuhls.