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Anne Marie Faisst hat eine chronische Krankheit. Sie fühlte sich von ihrer Uni allein gelassen und engagierte sich selbst.

Die Uni hat mir nicht geholfen“, sagt Anne Marie Faisst. Bis kurz vor ihrem Studienabschluss hatte sich Faisst kaum mit dem Thema Behinderung auseinandergesetzt – doch dann war sie selbst betroffen.

Im letzten Jahr ihres Diplomstudiums der Internationalen Entwicklung begannen ihre Schmerzen. Das war 2013. Die damals 25-Jährige vermutete einen Hexenschuss. Nach einer Woche hatte sie bei jedem Schritt so starke Beschwerden, dass sie kaum gehen konnte. Erst nach mehreren Monaten bekam sie die Diagnose: Morbus Bechterew, eine chronisch-entzündliche Erkrankung der Wirbelsäulengelenke.

Zu dem Zeitpunkt musste Faisst noch ihre Abschlussarbeit schreiben, doch das Diplomstudium lief aus. Eine Verlängerung von mehr als drei Monaten wurde ihr trotz Krankheit nicht gewährt. Faisst musste auf den Bachelor umsteigen. Damals fehlten ihr Infos über die rechtliche Lage, sie wehrte sich nicht. Die Krankheit brachte für sie die Auseinandersetzung mit dem Thema. Fünf Jahre war sie im Referat für Barrierefreiheit der Österreichischen Hochschüler_innenschaft (ÖH) und beriet Studierende mit Behinderung.

Faisst berichtet von einem Fall, als sich eine Lehrbeauftragte weigerte, Materialien zur Verfügung zu stellen – sonst komme niemand mehr in die Vorlesung, befürchtete sie. Oder als ein gehörloser Studierender seine mündliche Prüfung nicht ablegen konnte, weil der Professor keinen Gebärdensprachendolmetscher zuließ. „Für seine Rechte muss man kämpfen“, sagt Faisst. Das bedeute aber eine zusätzliche Belastung: „Man hat schon einen Mehraufwand, etwa durch Arztbesuche.“

Psychische Folgen

Rund zwölf Prozent der Befragten gaben bei der Studierendensozialerhebung an, eine gesundheitliche Beeinträchtigung oder Behinderung zu haben, die sich einschränkend auf ihr Studium auswirkt. Im vollbesetzten Audimax der Uni Wien wären das fast 100 Personen. Dazu zählen motorische Beeinträchtigungen, Beeinträchtigungen der Sinnesorgane, chronische Erkrankungen sowie Lese- und Rechtschreibschwächen. Vier Prozent leiden laut eigenen Angaben an einer psychischen Erkrankung.

Faisst kommt mittlerweile gut mit ihrer Krankheit zurecht. Seit ihrer Diagnose hatte sie zwei weitere Krankheitsschübe – da wurden die Schmerzen wieder so stark wie zu Beginn. Durch ihre Medikation muss sie aber nicht mehr monatelang leiden, sondern ist nach wenigen Tagen wieder einsatzfähig. Doch ihre Krankheit stellt Faisst vor eine große psychische Belastung: An Lehrveranstaltungen in kleinen Räumen nimmt sie nicht teil, immer wählt sie einen Platz in Türnähe. „Ich habe Angst, dass mein Körper ohne Vorwarnung aufgibt“, sagt sie.

In den meisten Fällen kann Studierenden mit Behinderung das Studium ermöglicht werden, sagt Claudia Rauch, Inklusionsbeauftragte der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich. Aber Betroffene würden selten als aktive Studierende gelten, da sie die nötigen 16 ECTS pro Studienjahr oft nicht erreichten. Seit Einführung der kapazitätsorientierten Studienplatzfinanzierung wird ein Großteil der Unibudgets über die Anzahl aktiver Studierender berechnet. So entgeht den Unis Geld, sagt Rauch. Geld, mit dem die Behindertenbeauftragtenstellen gestärkt werden könnten.

Behindertenbeauftragte wollen Universalsystem

So wie die PH Niederösterreich haben beinahe alle Unis Behindertenbeauftragtenstellen. Jedoch fordern sie seit Jahren vergeblich ihre gesetzliche Verankerung mit klaren Vorgaben für Budget, Stundensätze und Personal. „Vieles ist vom Willen von Einzelpersonen abhängig“, sagt Marlene Fuhrmann-Ehn. Sie ist Behindertenbeauftragte an der TU Wien. Trotz Überstunden könne sie nur das Notwendigste erledigen, sagt sie.

Fuhrmann-Ehn will mehr Mitarbeiter, damit neben Beratung auch längerfristige Projekte umgesetzt werden können. Projekte wie etwa die Gestu-Servicestelle. Neben der Beratung von gehörlosen Studierenden werden dort Fachgebärden entwickelt. Fuhrmann-Ehn würde auch gern höhere Mathematik für Sehbeeinträchtigte besser aufbereiten.

Die ÖH und die Behindertenbeauftragten setzen sich für ein Universalsystem ein, das für so viele Menschen wie möglich ohne Anpassung nutzbar ist: etwa in der Architektur, in Lehrveranstaltungen oder bei Prüfungsmodi. Faisst hat ihr Bachelorstudium mittlerweile beendet, arbeitet als Uni-Angestellte und schreibt an ihrer Masterarbeit.

Quelle: derstandard.at