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In dem Staat leben 27 Millionen Menschen mit einer Beeinträchtigung. Dennoch gibt es kaum Schulen, Rampen für Rollstuhlfahrer sowie passende Straßen

Motunrayo Elizabeth Osidele sitzt auf dem Boden ihrer kleinen Wohnung in Ijebu-Ode, einer Stadt im nigerianischen Bundesstaat Ogun. Auf ihrem Schoß liegt die vier Monate alte Gift. Als die Kleine anfängt zu quengeln, nimmt ihr Mann Ganiu Olatomiwa sie in den Arm und gibt ihr die Flasche. Dabei wiegt er sie leicht hin und her. Ihr älterer Sohn Goodnews ist schon in der Schule.

Die 36-Jährige gibt zu: Sie ist auf ihren Mann angewiesen. „Ohne ihn könnte ich das Haus gar nicht verlassen“, sagt sie und macht eine Kopfbewegung nach links in Richtung Fenster. Dahinter liegen ein Garten und eine sandige und steinige Straße, aus der in der Regenzeit schnell ein Schlammloch wird. Unmöglich, mit einem Rollstuhl durchzukommen.

Impfgegner und Terror

Doch auf den ist Motunrayo Elizabeth Osidele angewiesen, da sie im Alter von acht Jahren an Polio erkrankte. Nigeria war neben Afghanistan und Pakistan das Land, in dem sich die Krankheit besonders hartnäckig hielt. Dafür sorgten Impfgegner und im Nordosten die Terrorgruppe Boko Haram, die Impfkampagnen verhinderte. Ende August wurde Nigeria jedoch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als frei von Polio erklärt, da drei Jahre lang kein neuer Fall aufgetreten war.

Es wird geschätzt, dass 27 Millionen der 200 Millionen Einwohner Nigerias mit einer Behinderung leben. Ursachen dafür sind neben Polio Behandlungsfehler und Unfälle, die jedem passieren können. Trotzdem kommt es bis heute zu Stigmatisierungen. „Manche Menschen haben Angst, mit uns in Kontakt zu kommen. Sie denken, wir seien ansteckend“, sagt die Mutter von zwei Kindern. Es ist auch nicht selbstverständlich, dass Eltern es akzeptieren, wenn der Sohn oder die Tochter jemanden mit Behinderung heiraten will.

Fehlende Unterschrift

Gemeinsam mit Behindertenverbänden und dem Caritas-Komitee für Gerechtigkeit, Entwicklung und Frieden (JDPC), einem Partner von Misereor, fordert sie deshalb – nicht nur anlässlich des Tags der Menschen mit Behinderung am Dienstag –, dass das neue Behindertengesetz endlich von Gouverneur Dapo Abiodun unterzeichnet wird.

Das Landesparlament hat es zwar bereits im Jahr 2017 durchgewinkt. Doch erst mit der Unterschrift des Gouverneurs kann es in Kraft treten. „Wir brauchen es unbedingt“, fordert Motunrayo Elizabeth Osidele.

Fehlende Standards

In den vergangenen drei Jahren habe sich die Situation von Menschen mit Behinderung nicht verbessert, sagt Kayode Oyesiku, Professor an der Universität Olabisi Onabanjo in Ago-Iwoye. Er untersucht, wie die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) im Bundesstaat Ogun umgesetzt werden. Verbesserte Lebensbedingungen für Menschen mit Behinderung spiegeln sich in gleich mehreren der insgesamt 17 Ziele, die bis 2030 weltweit umgesetzt werden sollen. Beispielsweise mangele es an Förderschulen, wie es sie in anderen Bundesstaaten gibt, sagt der Professor.

Auch beim Bau von Gebäuden sind Rampen und Aufzüge noch kein Standard. Bei der Besetzung von Ämtern müsse mehr darauf geachtet werden, Menschen mit Behinderung nicht zu benachteiligen. „Letztendlich muss unser Transportsystem überdacht werden. Wir nutzen noch immer Mopeds. Auch da hat sich nichts getan“, kritisiert Oyesiku.

Gerade verbesserte Transportmöglichkeiten könnten bei der Jobsuche helfen. In Ijebu-Ode rollt Motunrayo Elizabeth Osidele mit den Augen, wenn sie sich erinnert, wie mühsam die tägliche Fahrt zur Universität war, an der sie Informatik studierte. Damals musste sie auf Krücken zur Bushaltestelle gehen und brauchte später beim Einsteigen in den Bus Hilfe. Kommt es jedoch zu einer Verbesserung, könnte auch Motunrayo Elizabeth Osidele endlich eine Arbeit finden. „Die brauche ich ganz dringend“, gibt sie zu. 

Quelle: derstandard.at