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Josefine Thom erzählt die Anekdote einer Rollstuhlnutzerin auf der Suche nach einem schicken Kleid. Ihre Bedingung: Es sollte ohne die Hilfe ihres persönlichen Assistenten schnell ausziehbar sein. Sie bereitete sich nämlich schon auf eine Party vor, zu der auch ein Mann kommen würde, auf den sie ein Auge geworfen hatte. Sollte es mit dem Herren ans Eingemachte gehen, wäre es ärgerlich, wenn gerade das Herumgefitzel an der Kleidung die Stimmung versaute.

Den Traum von barrierefreier Mode für Kunden wie diese will das junge Wiener Label MOB Industries wahrmachen: „Mode ist wahnsinnig wichtig für gesellschaftliche Teilhabe, für den persönlichen Ausdruck“, fasst es Thom, die mit Johann Gsöllpointner das Label gegründet hat, zusammen.

Optimiert

Seit 2019 haben beiden offiziell ihre Firma. Einen Teil des Startkapitals stellte die Wirtschaftsagentur für das außergewöhnliche Konzept der beiden Jungentrepreneurs zur Verfügung: Designerware für Menschen mit Behinderungen. Rollstuhlnutzer und -nutzerinnen, Menschen, die Prothesen oder Frakturen haben, von multipler Sklerose oder Parkinson betroffen sind, stehen im Fokus. Drei Labels aus Wien, Ferrari Zöchling, Moto Djali und GON, lieferten die Designs für eine erste Kollektion, die MOB zur Gänze in Wien produzieren ließ.

Druckknopfleisten an den Ärmeln vereinfachen das Ankleiden, Magnetknöpfe helfen bei eingeschränkter Fingerfertigkeit, Stoffe, die Flüssigkeiten abweisen, kommen Menschen entgegen, die sich beim Essen oder Trinken schwertun. Die Längen und Schnitte der Kleidungsstücke sind für die Rollstuhlnutzung optimiert, sodass sie nicht an den Rädern schleifen.

Um herauszufinden, was die Zielgruppe braucht, wurde sie sehr eng in den Entwicklungsprozess der Kleidungsstücke einbezogen. Viele von den ideengebenden Menschen sind auf den Kampagnenfotos von MOB zu sehen. Das darf auch als Statement verstanden werden: Oft haben die Models, die in Werbungen zum Beispiel im Rollstuhl zu sehen sind, gar keine Behinderung. Gsöllpointner und Thom denken vorsichtig an die nächsten Schritte, MOB zu einer Agentur zu machen, die Models mit Behinderungen vermittelt, mit eigenem barrierefreien Fotostudio und fixem Showroom.

In Moment kann die Mode über den Onlineshop bezogen werden, oder bei Pop-ups, die regelmäßig organisiert werden. Auch hier legen Thom und Gsöllpointner wert auf die Details – bis zur Aufschrift auf den Toiletten. Das barrierefreie WC heißt Standard, auf der anderen Toilette steht Companions, was das Konzept hinter den beiden Modelinien widerspiegelt. Die Companions-Kollektion ist vorerst für die Begleiter und Begleiterinnen gedacht, soll aber bald in der Standard-Kollektion aufgehen. Dann gäbe es überhaupt nur noch für Menschen mit Behinderungen optimierte Designs, die von allen getragen werden können.

Modern

Bevor Gsöllpointner und Thom einander in der Gastronomie kennenlernten, war er in Agenturen tätig, während sie als Sozialarbeiterin mit Schwerpunkt Disability Studies als persönliche Assistentin arbeitete. Auch bei der Pflege ihrer eigenen älteren Schwester, die von Mehrfachbehinderungen betroffen ist, fiel Thom auf, dass es funktionelle Kleidung zu kaufen gibt, die den Pflegealltag erleichtert. Da realisierte sie aber auch, was es nicht gibt: coole, modische Kleidung. „Wir wollten weg von diesem Reha-Chic“, fasst es Gsöllpointner zusammen. Außerdem gibt es ganz konkreten Bedarf: „Durch die UN-Behindertenkonvention werden immer mehr Menschen mit Behinderungen eingestellt. Die wollen sich ja dann auch nicht immer ein Hemd nähen lassen“, so Thom.

International ist sogenannte Adaptive Fashion schon länger ein Thema, die Idee, mit lokalen Designerinnen zusammenzuarbeiten, ist aber bisher einzigartig. Ferrari Zöchling, Moto Djali und GON waren gleich begeistert von der Idee; auch an kreativem Nachschub mangelt es nicht. Für die zweite Kollektion entwickeln gerade der Salzburger Rapperfürst und Rollstuhlnutzer Young Krillin und der Meidlinger Modedesignkomet mit den Balkan-Vibes, Hvala Ilija, einen Trainingsanzug.
In der schnelllebigen Modewelt, geprägt von Einheitsgrößen und Stangenware, vergisst man oft, dass sich Kleidung an den den Menschen anpassen soll und nicht umgekehrt. MOB rückt diesen Gedanken wieder ins Zentrum und verwirklicht in diesem Sinne spannende Designs – für alle.

Quelle: derstandard.at/