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In den Jahren 2003 bis 2006 lief das EU-Partnerschaftsprojekt IBB (Integrative Behindertenbegleitung) zur Sicherstellung einer qualifizierten Ausbildung für Menschen mit Lernbehinderungen. Sie sollten für den Sozialbereich qualifiziert werden und zwar für die Begleitung anderer Menschen mit Behinderungen. Daraus entstand das Berufsbild der FachsozialhelferIn mit dem Schwerpunkt Behindertenbegleitung.
2009 startete europaweit der erste Lehrgang zu dieser Ausbildung in Graz. 20 Menschen mit Behinderungen, darunter 4 Menschen mit Lernschwierigkeiten, bildeten die Ausbildungsgruppe. Inzwischen findet der vierte Durchgang der Ausbildung zur / zur FachsozialhelferIn mit dem Schwerpunkt Behindertenbegleitung statt.
Inzwischen ist die Ausbildung auch gesetzlich verankert. Interessierte können im Organisationsstatut IBB (BMUKK-21.635/0008-III/3a/2012, Neufassung vom 25.5.2012) nachlesen. 

Unterricht

Es gibt Basis- und Vertiefungsmodule. An den Basismodulen nehmen alle AusbildungsteilnehmerInnen teil. Bei diesen Einheiten sind stets zwei Lehrkräfte in der Ausbildungsgruppe anwesend. Die Inhalte werden multimodal über Vorträge, Filme, Rollenspiele und mehr vermittelt.
In den Vertiefungseinheien werden zusätzliche theoretische Inhalte vermittelt und diese unter besonderer Berücksichtigung leicht verständlicher Sprache aufbereitet.

Herausforderungen

Nicht nur in den Vertiefungsmodulen spielt eine leicht verständliche Sprache wegen der Gruppenzusammensetzung eine Rolle, auch in den Basismodulen. Die Lehrkräfte versuchen in den Basismodulen die Inhalte leicht verständlich zu vermitteln. Häufig merken sie aber, dass die eigenen Texte zu kompliziert sind. Darüber hinaus gibt es keine Fachbücher zu Behindertenbegleitung in leicht verständlicher Sprache. Das stellt für die Lehrkräfte und die AusbildungsteilnehmerInnen eine große Herausforderung dar.
Darüber hinaus sind die Lehrkräfte gefordert die Unterrichtsinhalte, besonders in den Basismodulen, aufeinander abzustimmen. Das betrifft auch die Abstimmung mit den Inhalten der Vertiefungsmodule, die die Informationen aus den Basismodulen weiter vertiefen.
Auch andere Situationen wollen gemeistert werden, beispielsweise das Ich-Sein. Da in unserer Gesellschaft "behindert sein" nach wie vor negativ behaftet ist, ist es für einige TeilnehmerInnen schwierig als "Behinderte" im Klassenverband zu bestehen.
Besonders TeilnehmerInnen mit Lernschwierigkeiten trifft das, natürlich auch andere TeilnehmerInnen. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass sie als durch die Einrichtungen der Behindertenhilfe sozialisierter Mensch mit Lernschwierigkeiten bzw. Mensch mit Behinderungen in die Ausbildung kommen und sich da erst auf die Suche nach einer eigenen Identität machen.
In ihrer bisherigen Sozialisation haben sie gelernt, dass ihnen geholfen wird und, dass sie von anderen abhängig sind. In der Ausbildung wird von den TeilnehmerInnen aber verlangt, dass sie vermehrt selbst tätig sind und über sich selbst reflektieren. Sie sollen sich auch selbst organisieren, Lehrunterlagen ordnen, Terminkalender führen, Stundenverschiebungen nachvollziehen und manches mehr. Das birgt Schwierigkeiten, aber auch viel Lernpotential.
Durch die Durchmischung der Behinderungen ändert sich auch die eigene Rolle in der Ausbildungsgruppe. Die AusbildungsteilnehmerInnen arbeiten gemeinsam in Gruppen, erkennen die persönlichen Unterschiede beim Lernen und lernen gemeinsam mit Menschen mit Lernschwierigkeiten gleichrangig im Team zu arbeiten.
Trotz vieler Herausforderungen und Lernpotential auf allen Seiten wurden inzwischen drei Ausbildungslehrgänge absolviert. Der vierte findet gerade statt. Die Ausbildung hat das Ausbildungszentrum verändert: Wie, das lesen Sie im nächsten Abschnitt.

Veränderungen am Ausbildungszentrum, seit dem es IBB-SchülerInnen gibt

Inzwischen begegnen sich TeilnehmerInnen mit und ohne Lernschwierigkeiten anders. Die Zusammenarbeit ist alltäglich geworden. Das gilt auch für den Umgang und das Miteinander mit den Lehrkräften. Dadurch ist die Kommunikation offener und vorurteilsfreier. Das führt unter anderem dazu, dass TeilnehmerInnen offener über ihre Beeinträchtigungen und ihre Erfahrungen als "KlientInnen" in Einrichtungen der Behindertenhilfe sprechen.
Durch den offeneren Umgang mit der eigenen Beeinträchtigung werden auch Ängste und Schwächen verbalisiert. Betroffene lernen schneller aus der Helferrolle auszusteigen.
Durch die unterschiedlichen Bedürfnisse versuchen die Lehrkräfte ihre Inhalte anders aufzubereiten, damit diese verständlich sind. Das führt sicherlich zu einer veränderten Kommunikation und der Nutzung anderer didaktischer Mittel in der Ausbildung.

Weitere Informationen

Dr.in Ute Gudera
Mag.a Andrea Schröttner
Mag. Mag. (FH) Erich Sulzer
Ausbildungszentrum für Sozialberufe
Wielandgasse 31
8010 Graz
(Quelle: Ute Gudera, Andrea Schröttner, Erich Sulzer in: bidok works: Ausgabe 12, 2014)
(von KI-I)