„Wenn wir immer nur gewartet hätten, bis das System bereit ist, hätten wir heute noch keine Integration“, sagt Heinz Forcher. Und er muss es wissen, immerhin war es der streitbare Vater eines spastisch gelähmten Jungen aus dem Tiroler Außerfern, der das Unmögliche möglich machte: die Abschaffung der Sonderschule. Hier im Tiroler Bezirk Reutte, einer entlegenen Region im Nordwesten des Alpenlandes, gibt es seit mehr als 15 Jahren keine Trennung zwischen Kindern mit und ohne Behinderung mehr. Ausnahmslos alle Kinder besuchen in Reutte gemeinsam die so genannte Regelschule. Der Weg dorthin war aber nicht einfach.
Mitte der 1980er-Jahre hätte Forchers Bub Ernst in die Schule kommen sollen. Auf Grund seiner Behinderung rieten ihm die Fachleute, den kleinen Jungen ins Elisabethinum nach Axams bei Innsbruck zu geben. Dies wäre zu seinem Besten, sagte man dem Vater. Fast zwei Autostunden von zu Hause entfernt, sollte Ernst künftig „zur Schule gehen“. Nur am Wochenende durfte er nach Hause. Doch schon in der zweiten Woche wurde Heinz Forcher klar, dass das keineswegs „das Beste“ für seinen Ernst sein konnte: „Er hat ganz furchtbar geschrien und wollte nicht dort bleiben. Ich hätte so nicht leben können, es war für mich unmöglich, ihn dort zu lassen.“ Forcher nahm seinen Sohn also wieder mit nach Reutte und begann, nach Alternativen zu suchen. Er hatte das Glück, im damaligen Sonderschuldirektor von Reutte, Norbert Syrow, jemanden zu finden, der dem vorherrschenden System der Trennung behinderter und nicht-behinderter Kinder ebenso skeptisch gegenüberstand wie er selbst. Gemeinsam erkundigten sich die beiden nach neuen Wegen. Bei einem Besuch im burgenländischen Oberwart, wo Eltern sich zusammengetan hatten, um gegen den Widerstand der Behörden eine gemeinsame Klasse für behinderte und nicht-behinderte Kinder zu schaffen, sah Forcher zum ersten Mal „was Integration sein kann“. Mit Syrows Unterstützung setzte er einen ähnlichen Versuch in Reutte um. Den Widerstand der Behörde brach Forcher indes auf seine Weise: „Ich bin zum damaligen Landesschulratspräsidenten gegangen und habe ihm mit Hungerstreik und Medienrummel gedroht. Denn mein Sohn muss in die Schule gehen.“
Die Abschaffung der Sonderschule
Das war der Start einer langsamen, aber steten Entwicklung. „Wir haben für jedes einzelne Kind kämpfen müssen, über Jahre“, erzählt Forcher. Dieser Kampf brachte viele Probleme mit sich. Der Außerferner Hotelier verlor seine wirtschaftliche Existenzgrundlage, da viele Mitmenschen ihn anfangs für sein Engagement schnitten. Sein Betrieb musste Konkurs anmelden. Seinen Nebenjob als Bezirkssekretär der SPÖ kündigte er, weil die Partei „im Bildungsbereich furchtbar ist“. Sogar als Obmann der Lebenshilfe Außerfern wurde er abgesetzt, weil er sich für die Inklusion einsetzte. Doch Forcher war überzeugt, dass die Trennung kein gangbarer Weg für die Kinder ist. So focht er den Kampf mit Mitstreiter Syrow und einer wachsenden Zahl von Unterstützern unter der Lehrerschaft weiter. Es war ein einzigartiger Glücksfall, dass ausgerechnet der Direktor der Sonderschule erkannt hat, dass seine Einrichtung das Problem am Weg zur gemeinsamen Schule darstellt. Denn wo immer eine Sonderschule existiert, wird es einen Bedarf an Sonderschülern geben. Syrow schaffte daher seine Sonderschule in Reutte sukzessive ab. 1996/1997 verließ das letzte Kind diese Einrichtung, seither gibt es im Bezirk Reutte im Tiroler Außerfern keine Sonderschulklassen mehr. Die Sonderpädagogen gibt es weiterhin, doch sie betreuen nun die Kinder mit Behinderung direkt in den Regelschulklassen. Dadurch wurde auch das teure und sinnlose System der Doppelstrukturen abgeschafft. Alle Mittel, die andernorts in die Erhaltung von Sonderschulen fließen, werden in Reutte dafür verwendet, die Inklusion zu fördern und die Kinder in den Klassen zu unterstützen.
Jedes Kind kann integriert werden
„Bei uns ist es keine Frage mehr, ob ein Kind integriert wird oder nicht. Es geht nur mehr um das Wie“, erklärt Forcher. Denn wirklich jedes Kind, egal wie schwer die Behinderung auch sein mag, kann eine Regelschule besuchen. Das dazu nötige Wissen holten sich die Reuttener von außen. Experten aus aller Welt wurden konsultiert, wenn es darum ging, bettlägrige, schwerstbehinderte Kinder in die Schule zu integrieren. Mit Erfolg: Es ist bisher in jedem Fall gelungen. Das führte in den vergangenen 15 Jahren dazu, dass sich auch die Gesellschaft im Außerfern grundlegend verändert hat. Menschen mit Behinderung sind hier anerkannte Mitglieder der Gesellschaft, von klein auf wird das Miteinander gelebt. Das setzt sich am Arbeitsplatz fort, wo die Integration längst selbstverständlich ist. Schließlich kennt man sich aus der gemeinsamen Schulzeit. Das Werk von Forcher und Syrow in Reutte führt heute der Leiter des dortigen Sonderpädagogischen Beratungszentrums (SPZ) Roland Astl fort. Anstatt Kinder auszusondern und zu trennen, berät Astl Eltern, wie man ihr Kind – egal welche Beeinträchtigung es auch haben möge – erfolgreich in der Regelschule integriert.
Gallisches Dorf
Keine 100 km weiter, in der Landeshauptstadt Innsbruck, ist vom progressiven Geist jedoch nichts mehr zu spüren. Der Widerstand gegen das Reuttener Modell seitens der Behörden hält sich seit Jahrzehnten hartnäckig. Vom „illegalen Schulbezirk“, weil ohne Sonderschule, fabuliert da selbst der amtierende Landesschulratspräsident. Die Politik zeigt sich stur und erkenntnisresistent. Wolfgang Begus, Obmann des Vereins Integration Tirol, engagiert sich seit Jahren im Kampf gegen das schulpolitische Steinzeitdenken. Denn nach wie vor belegt Tirol knapp vor Niederösterreich den vorletzten Rang in Sachen Integration: Nur gut 36 Prozent der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf besuchen hier eine Regelschule. Für Begus liegt das Problem vor allem in der Beratung der PädagogInnen: „Die Schulen und die Schulverwaltung sind mit dem Thema überfordert.“ Daher sei die Politik gefordert, für die nötigen Rahmenbedingungen zu sorgen, um diese Unsicherheiten zu beseitigen: „Doch genau dieser politische Wille fehlt. Man will die Kinder nicht zusammenbringen.“ Das erfolgreiche Praxisbeispiel Reutte, wo seit Jahren eindrucksvoll bewiesen wird, was auch die Bildungswissenschaft empirisch bewiesen hat – nämlich den Mehrwert von Inklusion für alle –, scheint bewusst ausgeblendet zu werden. Für Begus sind zwei Dinge maßgeblich dafür verantwortlich, dass Reutte seit mehr als 15 Jahren seinen eigenen Weg gehen kann: die dort mit viel Engagement handelnden Personen und die abgeschiedene Lage im Außerfern.
Paradigmenwechsel
Heinz Forcher kennt die Widerstände, die es am Weg zur gemeinsamen Schule zu überwinden gilt. Und er kämpft nun auf Landesebene weiter. Am 8. April 2013 hat er hier den jüngsten Etappensieg erreicht: In Tirol werden künftig nicht mehr die SonderschulleiterInnen die Eltern beraten, in welche Schule ihr Kind gehen soll. Dies war seit jeher ein Kritikpunkt, da LeiterInnen einer Sonderschule in einen Interessenskonflikt geraten, wenn sie Eltern dahingehend beraten sollen, ihre Kinder nicht in ihre Einrichtung zu schicken. Daher erfolgt diese Beratung in Tirol künftig über so genannte, neu einzurichtende „Pädagogische Beratungszentren“. Für Heinz Forcher ein Paradigmenwechsel, der langfristig viel verändern kann. Das von ihm mitentwickelte „Tiroler Modell“, so hofft der Reuttener, könnte österreichweit Schule machen: „Damit wird der Einfluss der Sonderschulen weiter zurückgedrängt, aber es wird drei bis fünf Jahre dauern, um das zu etablieren. Inklusion ist ein sehr anspruchsvolles Thema, aber die gegenwärtige Situation ist prekär und daher müssen wir diese Herausforderung annehmen, um etwas zu verbessern.“
(von Steffen Arora in Zeitschrfit Behinderte Menschen 2/2013)