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Die Lebenshilfe Österreich kritisierte in einer kürzlich stattgefundenen Pressekonferenz scharf, dass Kinder mit einer intellektuellen Beeinträchtigung im Schulbetrieb diskriminiert werden.
„Wir fordern die Einführung eines inklusiven Schulsystems, also einer neuen Schule für alle Kinder mit und ohne Behinderungen bis zum Ende der Oberstufe“, sagt Weber, Präsident der Lebenshilfe Österreich. Zu Beginn des neuen Schuljahres legte die Lebenshilfe Österreich somit einen Stufenplan vor, der die Trennung zwischen Kindern mit und ohne Behinderungen im gesamten Bildungsbereich aufheben soll.
Das Ziel: Bis zum Jahr 2016 sollen Sonderschulklassen zu Gunsten inklusiver Klassen aufgelassen werden.

Neue Schule für alle: Stufenplan

Mag. Bernhard Schmid, Generalsekretär der Lebenshilfe Wien, erklärt den von der Lebenshilfe vorgeschlagenen Stufenplan.
Die Schulgesetzgebung in Österreich ermöglicht seit den 1990er Jahren, dass Kinder mit und ohne Behinderung eine gemeinsame Regelschule besuchen können – als Möglichkeit neben der weiter bestehenden Sonderschule. Dieses Recht gilt aber nur mit vielen Einschränkungen.

Größte Einschränkung

Nach der 8.Schulstufe ist den Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf das Recht auf Integration verwehrt. Nicht einmal das 9.Pflichtschuljahr ist gesetzlich abgesichert.

Weitere wesentliche Einschränkungen

Anfang der 1990er stieg die Übernahme von SonderschülerInnen in die Regelschule. Seit 10 Jahren ist diese Übernahme in Stillstand geraten. Betroffen davon sind vor allem ältere Kinder mit schwereren Beeinträchtigungen und höherem Unterstützungsbedarf, die somit auch schon vor Ende der 8.Schulstufe vom gemeinsamen Unterricht ausgeschlossen bleiben.
Eltern berichten oft über mangelhafte Umsetzung des gemeinsamen Unterrichts in bestehenden Integrationsklassen. Gewöhnlich werden von den Verantwortlichen Mängel an Personal- und Sachressourcen angeführt.

Inklusionsbarometer

Wie unterschiedlich die 1993 von Unterrichtsminister Rudolf Scholten ermöglichte Integration in den Bundesländern ausgeprägt ist, zeigt das von der Lebenshilfe erstmals präsentierte Inklusionsbarometer. Während in der Steiermark schon über 80 % aller Kinder mit Beeinträchtigungen in einer gemeinsamen Klasse mit anderen lernen können und diese gemeinsam mit dem Burgenland und Oberösterreich als überwiegend integrativ und auf einem guten Weg zu Inklusion eingestuft wird, werden in Niederösterreich nur 32 % aller Kinder mit Beeinträchtigung in integrativer Form unterrichtet.
Inklusionsbarometer – Lebenshilfe Österreich (PDF, 650KB, Anmerkung: Dokument nicht barrierefrei)

Schlussfolgerung

Aufgrund der rechtlichen Verpflichtungen aus der UN-Konvention ist den rund 13.000 betroffenen Kindern rasch zu ihrem Recht auf generelle Teilhabe am Unterricht in der allgemeinen Schule zu verhelfen. Seitens der Lebenshilfe wird daher ein Stufenplan mit folgenden Schlüsselbausteinen präsentiert:
Ab 2011

  • Es werden keine neuen Sonderschulen mehr gebaut
  • Sonderpädagogische Zentren werden in Pädagogische Zentren für alle Kinder umgewandelt
  • Schul-Assisten/innen werden ausgebildet und als Ergänzung für die Lehrkräfte eingesetzt

Ab 2012

  • Die bisher getrennten Ausbildungszweige für Sonder- und Regelpädagog/innen werden zusammengelegt
  • Spezialfächer zu bestimmten Beeinträchtigungen werden zusätzlich angeboten
  • Die ersten Sonderschulen werden unter der bisherigen Direktion für alle Schüler/innen geöffnet; die Sonderschullehrer/innen verbleiben am gleichen Standort an der neuen Schule für alle oder bilden ein inklusives Lehrerteam mit Regelschullehrer/innen an anderen Standorten

Von 2013 – 2015

  • Die verbliebenen Sonderschulen alten Systems werden sukzessive in neue Schulen für alle umgewandelt
  • Das Know-How der Pädagogischen Zentren wird auch von „Neuen Mittelschulen“ und Gymnasien genutzt
  • Die „Binnendifferenzierung“ (Unterrichten am selben Unterrichtsgegenstand im gemeinsamen Klassenverbund, aber mit unterschiedlichen Lehrplänen) wird Standard der neuen Schule für alle

2016: Inklusive Schule in ganz Österreich Wirklichkeit

  • Spezialpädagogische Expert/innen sind an allen neuen Schulen zu finden, wo sie gebraucht werden
  • Alle Kinder mit und ohne Behinderung und bis zum 18.Lebensjahr gehen in die neue Schule für alle– die Inklusive Schule in ganz Österreich ist Wirklichkeit geworden
  • In der Folge haben immer mehr Menschen mit Behinderung Zugang zu Hochschulbildung und Berufsbildung

Persönliche Schlussbemerkung von Mag. Bernhard Schmid

Als betroffener Vater eines heute 18jährigen jungen Mannes mit Down-Syndrom hätte ich mir eine inklusive Schule für alle schon viel früher gewünscht. Warum? Weil mein Sohn dann noch mehr in Kontakt mit Mitschüler/innen ohne Behinderung gekommen wäre. Weil ihm das Know-How und die finanziellen Mittel für eine zielgerichtete Förderung auch inmitten der Klassenkameraden einer Regelschule zugutegekommen wäre. Und weil er sich auf die Erwachsenenwelt noch besser vorbereiten hätte können – und die künftige Erwachsenenwelt mit ihm. Genau darum ist es nun meine höchste Motivation, dies wenigstens für die jetzige und alle zukünftige Schulgenerationen zu erreichen.

Persönliche Erfahrungen mit Inklusiver Bildung

Statement eines ehemaligen Integrationsschülers

Dass eine gute Schulbildung zu besseren Jobchancen führt, weiß Christoph Veit, der im Integrationsbetrieb „Café faMoos“ als Kellner arbeitet. Seine Erfahrungen in der Integrationsklasse waren überwiegend positiv, „weil mir die Integrationslehrerin geholfen hat, dass ich trotz meiner Rechtschreibschwäche in den Lerngegenständen gute Noten erreiche.“ So wie Christoph Veit lernen durchschnittlich nur 52,6 % der Schüler und Schülerinnen mit Sonderpädagogischem Förderbedarf in einer Integrationsklasse. „Besonders dramatisch ist es für Jugendliche mit 14 Jahren. Ihr Recht auf Bildung in einer allgemeinen Schule endet mit der achten Schulstufe“, kritisiert Schmid.

Statement zu inklusiven Lernerfahrungen

Statement Elisabeth Kopetzky
Studierende an der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich
Ich habe zehn Klassen in der Sonderschule absolviert, ein Jahr mehr als gefordert, weil ich so wissbegierig war. Ich wollte auch nach der Sonderschule weiter lernen. Meinen Eltern haben Hauslehrer für mich organisiert, die mich gefördert haben. Ich habe so Italienisch und Klavierspielen gelernt und konnte mir sehr viel Wissen aneignen, zum Beispiel in Geographie und Geschichte.
Es war immer schon mein Traum, an eine Hochschule zu gehen. Ich bin gerne mit Leuten zusammen, die genauso wie ich weiter lernen wollen. Dieser Traum ist vor zwei Jahren wahr geworden. Ich habe mit 48 Jahren das Studium am Hochschullehrgang „Kommunale Bildung“ bei der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich aufgenommen.
Anfangs unterstützte mich ein Mitarbeiter der Lebenshilfe beim Studium, besonders dann, wenn es etwas zu schnell geht. Bisher bin ich sehr gut mitgekommen. Ich habe durch das Studium gleichaltrige Freunde gefunden, mit denen ich viel unternehme und ins Theater gehe. Ich habe gelernt, meine eigene Meinung in einer Gruppe zu vertreten. Zum Beispiel war ich im Mai im Krankenhaus und habe dort alleine mit Krankenschwestern und Ärzten gesprochen und meine Interessen vertreten. Ich habe sehr viel an Selbstbewusstsein gewonnen. Inklusion erlebe ich bei meinen Kolleginnen im Studium. Wichtig ist für mich, dass ich das Wissen über Inklusion weiter über die Hochschule hinaus trage, damit auch andere darüber erfahren. Ein Ergebnis meiner Studiengruppe ist ein Konzept zur Altenpflege und wie man diese inklusiv organisieren kann. Jetzt befasst sich der Sozialausschuss der Gemeinde Wiener Neudorf damit. Ich habe vor, diesen Vorschlag auch dem Bürgermeister von Mödling vorzubringen.

(von Lebenshilfe Österreich)