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Täglich werden in Österreich Menschen an ihre Rollstühle „gefesselt“. Ein Schicksal, dass von vielen Betroffenen stillschweigend erduldet wird. Ein junger Steirer bricht am 3. Dezember, dem internationalen Tag der Behinderung, das Schweigen. Offen spricht er nun über jene Fesseln, die ihm immer wieder angelegt werden.

"Ich bin mobil!"

Christian ist 22 Jahre jung und viel unterwegs. Er hat ein Fortbewegungsmittel auf vier Rädern, ganz wie viele Gleichaltrige auch. Ob da eine Automarke oder eine Rollstuhlmarke draufsteht ist eigentlich egal – müsste man meinen. Dennoch schlägt hier oft das verbale Klischee zu: „An den Rollstuhl gefesselt“ ist nach wie vor ein gängiger Ausdruck – vor allem in den Medien.
„Andere fahren Auto, ich fahre Rollstuhl. Womit ich von A nach B komme, ist doch egal. Dass Menschen, die einen Rollstuhlbenutzen, offenbar als `gefesselt` und damit als unbeweglichbetrachtet werden, verletzt einen schon sehr,“ meint der jungeMann bedrückt.

"Ich leide nicht und bin auch nicht arm!"

Dass Worte Bilder im Kopf erzeugen ist heute hinlänglich bekannt. Physisch gefesselt zu sein stellt sich kaum jemand als eine angenehme Situation vor. Vielfach wird damit „Leiden“, „Gefangenschaft“ oder „schreckliches Schicksal“ assoziiert.
„Mir tut nichts weh, ich gehe gerne fort, ich wohne in keinem `Heim` sondern in meiner eigenen Wohnung – warum glauben die Leute immer, dass Menschen mit Behinderung `leiden` und `arm` sind? Besonders traurig macht mich, wenn mich die Leute ignorieren, z.B. wenn ich jemand Fremden um Hilfe bitte“ macht Christian seinem Ärger Luft.

Keine Behinderung ist gleich

Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff „die Behinderten“. Ob man eine Brille trägt, einen Rollstuhl fährt oder persönliche Assistenz benötigt – jeder Mensch hat seine persönliche Geschichte – keine Behinderung ist gleich. Im Vordergrund steht der Mensch, die Beeinträchtigung ist nur eines vieler Persönlichkeitsmerkmale. „Mensch(en) mit Behinderung“ ist ein Ausdruck, der dies besser zum Ausdruck bringt als „die Behinderten“.

Ebenso weitgehend ignoriert wird die Tatsache, dass das Wort „Spastiker“ Betroffene diskriminiert und beleidigt. Im Duden findet man dazu unter anderem: „Abwertende Bezeichnung für `Dummkopf`“. Allerdings braucht man dazu nicht einmal ein Wörterbuch aufzuschlagen – „Spasti“ ist eine Beleidigung, die vor allem in den Pausenhöfen der Schule gerne und oft verwendet wird.“Meine Freunde sind nicht dumm!“
„Einige Menschen in meinem Bekanntenkreis haben sensomotorische Störungen“, erklärt Christian diese Behinderung mit dem korrekten Begriff. „Nie würde ich auf die Idee kommen, dass sie deswegen `dumm` sind“, schüttelt der 22jährige verständnislos den Kopf.
„Etwa 800.000 Menschen in Österreich haben eine oder mehrere  Behinderungen – das ist keine verschwindend geringe Minderheit. Es ist wichtig, dass besonders die Medien – als Meinungsbildern – antidiskriminierende Ausdrücke verwenden“, so Andrea Staber, die Leiterin der „Bunte Rampe“, einer Grazer Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung. Startet den Datei-DownloadHier können Sie den Ratgeber „Sprechen und Schreiben über Behinderung“ (pdf) downloaden.

Literaturtipps

Praktische Hilfestellungen zu diesem Thema bietet der Leitfaden „Sprechen und Schreiben über Behinderung“, den die „Bunte Rampe“ herausgegeben hat. Ebenfalls hilfreich ist das „Buch der Begriffe“, das „Integration:Österreich“ im internationalen Jahr der Behinderung (2003) publiziert hat.
„Ich freue mich schon darauf, wenn in Zukunft die Fesseln von meinem Rollstuhl gelöst werden“, so Christian augenzwinkernd. Und viele andere mit ihm.
„Nicht behindert zu sein ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann.“  (Richard von Weizäcker, 1987)
(von Öffnet einen externen Link in einem neuen Fensterwww.mosaik-gmbh.org)