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“Mobil sein ist alles!” Bei der REHA LIFE Austria am 13. und 14. Juni 2007 in Wien standen heuer die Themen Barrierefreiheit und Reisen für Menschen mit Behinderungen im Mittelpunkt. Mit einem breiten Angebot an Hilfsmitteln, Dienstleistungen und Beratung sowie einem engagierten Vortragsprogramm in zwei Praxisforen präsentierte die Besuchermesse im Austria Center Vienna viele Möglichkeiten zur Verbesserung der Lebensqualität. 1523 Besucher informierten sich bei 75 Ausstellern – und genossen es, auf Gleichgesinnte in Sachen Integration zu treffen.

“In den vergangenen Jahren hat sich hinsichtlich der Barrierefreiheit viel verbessert, aber es bleibt noch einiges zu tun”, konstatierte Peter Emberger vom Österreichischen Zivil-Invalidenverband (ÖZIV SUPPORT). “Das Thema ist komplex – das wird oft nicht verstanden”, verwies er zudem darauf, dass sich Menschen mit Behinderungen nicht nur an räumlichen Hindernissen, sondern auch an sprachlichen Barrieren und diskriminierenden Worten stoßen.

Schon vor Jahren habe er sich relativ problemlos in Österreich mit dem Zug fortbewegt, bestätigte der querschnittgelähmte Fotoreporter Andreas Pröve, der zur Messe aus Deutschland anreiste. Jetzt sei man noch einen Schritt weiter – auch in sprachlicher Hinsicht: “Damals hieß es noch behindertenfreundliche Umgebung, heute nennt man es Barrierefreiheit.” Er selber bezeichne sich nicht als Behinderten, sondern als Rollstuhlfahrer, und es ärgere ihn, dass er am Flughafen ein ärztliches Attest vorzulegen habe, während Passagiere mit Herzschrittmachern oder Flugangst unbehelligt blieben. “Die sind in meinen Augen schwerer behindert als ich”, schmunzelte der unermüdliche Globetrotter, der immer wieder zu Abenteuerreisen nach Indien aufbricht. Den Messebesuchern präsentierte er einen mitreißenden und höchst authentischen Dia-Vortrag von seiner Reise an die Quelle des Ganges.

“Warum werden Subventionen für den Hotelbau nicht an die Forderung geknüpft, barrierefrei zu bauen?” Wie Peter Emberger sieht auch Veronika Freund, die seit 14 Jahren mit ihrem querschnittgelähmten Mann die Aktion Gemeinsam Reisen (AGR) betreibt, die Politik in der Pflicht. Für ihr weltweites Reiseprogramm für Rollstuhlfahrer überprüft sie jedes Reiseziel vor Ort auf Barrierefreiheit. Nicht selten entpuppen sich dabei vermeintlich behindertengerechte Anlagen als untauglich. “Das ist noch nicht einmal böser Wille, sondern beruht schlichtweg auf mangelnder Vorstellungskraft.” Viele Investoren scheuten vor Ausgaben zurück – und übersähen dabei, dass sie mit geeigneten Maßnahmen einen neuen Kundenstamm gewinnen können, zu dem nicht nur Menschen mit Behinderungen, sondern auch deren Angehörigen und Betreuer zählen. “Das ist ein Markt, der angesichts des demographischen Wandels noch weiter wachsen wird”, ist auch Alexander Petsch, Geschäftsführer des Messeveranstalters spring messe Management, überzeugt.

“Barrierefreiheit ist nicht nur baulich zu sehen. Wir verstehen darunter auch Unterstützung für Menschen mit Lernbeeinträchtigungen”, zeigte Maria Brandl vom SCHRITTE team eine weitere Facette des Begriffs auf. Weiterbildungsangebote für diese Zielgruppe seien noch “ungewohnt”, so die Trainerin, die unter anderem Persönlichkeits- oder Kommunikationsseminare mit behinderten Menschen durchführt oder auch das Thema Frausein für Frauen mit Behinderungen erarbeitet. “Ich selbst kann jederzeit auf Weiterbildungsangebote zurückgreifen, das sollte auch für Menschen mit Behinderungen gelten” plädiert die Beraterin für Chancengleichheit beim lebenslangen Lernen.

Maria Brandl arbeitet gern mit Symbolen – so auch bei ihrem Vortrag im Praxisforum: Dort ließ sie viele verschiedene Bälle auf den Boden kullern, die die Vielfalt der Gesellschaft versinnbildlichten. “Jeder sollte in ihr seinen Platz haben”, verdeutlicht die Mutter eines behinderten Sohnes. Zu den noch seltenen Anbietern von  Persönlichkeits-Coaching für Menschen mit Behinderungen zählt auch Eva Fischer, die bei der REHA LIFE Austria Stolperfallen auf dem Weg zum Liebesglück auszuräumen half. “Im Grunde haben Singles und behinderte Menschen die gleichen Probleme, allerdings mit anderen Ursachen”, weiß die Trainerin. Für alle sei es wichtig, ihr Selbstbild zu stärken. “Wenn ich mich ablehne, können mich andere auch nicht mögen.”

Den Hut vor Menschen mit Behinderungen und ihren Leistungen zieht Wolfgang Skowronek, der Innovationen bei der Eisenbahn-Infrastruktur in Sachen Barrierefreiheit vorstellte. “Ein behinderter Mensch muss sehr viel mehr können als ein normal Sterblicher”, erklärte der Diplom-Ingenieur hinsichtlich der Fortbewegung im öffentlichen Raum. In intensiver Zusammenarbeit mit Selbsthilfeorganisationen habe die ÖBB ein effektives und zugleich preisgünstiges Bodenleitsystem für Sehbehinderte entwickelt – “das beste seiner Klasse in Europa”. Zu den Verbesserungen zählen auch Aufzüge mit großen Tasten, deren Bedienung sowohl Rollstuhlfahrern als auch sehbehinderten Personen leicht fällt. Deutlichere Bahnhofsdurchsagen, neue Hebelifte und Versuche mit akustischen Hilfen zählen zu den weiteren Innovationen. Wolfgang Skowronek betont, dass all diese Maßnahmen nicht nur Menschen mit Behinderungen dienen, sondern eine Verbesserung der Qualität und Sicherheit für alle Bahnkunden bedeuten. “Einen barrierefreien Bahnhof kann ich im Falle eines Brandes leichter evakuieren”, nannte er ein Beispiel.

Über Fallstricke in der Gesetzeslage informierten unter anderem Schwerbehindertenvertreter Knut Weltlich und Prof. Dr. Stefan Edenfeld, Vorstandsstab Personal, von der Bertelsmann AG. “Die gesetzlichen Bestimmungen zur Gleichstellung bei der Einstellung sind diffizil, aber es hat sich Einiges getan”, erklärte Prof. Edenfeld in Bezug auf die Behindertengleichstellungsgesetz beziehungsweise das neue Antidiskriminierungsgesetz in Deutschland. Spezielle Hilfen für Akademiker mit Behinderungen stellte Mag. Mark Wilson von der Arbeitsvermittlung für Akademikerinen mit Behinderung und/oder chronischer Erkrankung  (ABAk) vor.

Unter dem Motto: “Leistung kennt kein Handicap” konnte bei der Bertelsmann AG der Abschlag im Golfsport geübt werden – im Stehrollstuhl auch für Menschen mit Behinderungen kein Problem. Richtig ins Schwitzen kommen konnten Sportfreunde beim Österreichischen Behindertensportverband (ÖBSV) um die Ecke, der eine Tischtennisplatte und ein kleines Basketballfeld beisteuerte. Gleich im Foyer schwungvoll begrüßt wurden Messebesucher am ersten Messetag vom No Problem Orchestra. Die fünf MusikerInnen sorgten unter anderem mit Instrumental-Versionen bekannter Abba-Hits für Stimmung – und hatten sichtlich Spaß an ihrem Auftritt

In der Palette der Hilfsmittel spielt der Rollstuhl zweifellos eine Hauptrolle. Wie auf der Messe deutlich wurde, geht  die technische Entwicklung stetig voran und offeriert Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit immer mehr Möglichkeiten zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. “Rollstühle werden heutzutage angepasst wie ein Maßanzug”, erklärte Globetrotter Andreas Pröve, der seinem speziellen Gefährt noch individuelle Verbesserungen wie einen integrierten Wagenheber hinzugefügt hat. Bei der REHA LIFE Austria standen viele verschiedene Modelle zur Probefahrt bereit. Großen Anklang fand der Motorroller Rollster, der mit Führerschein der Klasse B mit 45 Stundenkilometern zu fahren ist, aber auch als Krankenfahrstuhl mit Elektroantrieb genutzt werden kann. Mit dem pfiffigen Gefährt, das den Rollstuhl als Sitz integriert, wurden vor dem Eingang kleine Wettrennen ausgetragen.

Ein großes Sortiment an kleinen, aber effektiven Hilfsmitteln, die auch für Senioren interessant sind, präsentierte der Aussteller McCall Intertrade. Zu den neusten Errungenschaften zählen ein mobiler Handgriff, der mittels starker Saugnäpfe leicht im Bad befestigt werden kann, und der “TeleStik”. Ausgerüstet mit einem Magneten und einer Klebefläche können mit diesem verlängerten Arm Gegenstände herangeholt werden, die ansonsten nicht erreichbar wären.

Die REHA LIFE Austria wechselt vom bislang einjährigen zum zweijährigen Turnus. Die nächste Messe für mehr Lebensqualität  im Austria Center Vienna ist am 17. und 18. Juni 2009.

Besucherstimmen

“Mir gefällt die Messe sehr gut – und zwar auf verschiedenen Ebenen: Vorgestellt werden konkrete technische Hilfsmittel aber auch andere Angebote, die die Lebensqualität positiv beeinflussen. Die Vorträge sind warmherzig, die gesamte Atmosphäre ist sehr menschlich, angenehm human. Man fühlt sich hier nicht alleine. Ich habe viel gelernt und bin total begeistert. Besonders wichtig sind mir die Urlaubsangebote mit dem Rolli.”    Jadrana Metz

“Es passt alles. Ich bin das dritte Mal hier. Das Gesamtangebot entscheidet – es ist alles vertreten, was ein behinderter Mensch braucht. Ich sammle vorausschauend Prospekte. Womöglich kann ich sie später noch gut gebrauchen, denn das Angebot ist auch für Senioren brauchbar.”    Günther Ringelhann

“Ich finde die Messe super. Man bekommt viele Informationen. Interessiert habe ich mich besonders für Angebote in punkto Urlaub. Ich möchte nämlich demnächst gern verreisen.”    Renate Rakuschan

“Ich finde die große Fülle von Informationen und die große Fachlichkeit super. An den Ständen sind nur Fachleute, die gut beraten. Außerdem treffen Menschen mit Behinderungen auf ebenfalls Betroffene, wodurch sich bessere Kommunikationsmöglichkeiten bieten. Die offene Struktur der Praxisforen ist gut, die Themen sind breit gefächert. Der Diavortrag über Indien war faszinierend. Jetzt freuen wir uns schon auf das nächste Mal.”    Leopoldine Pollak

(von Öffnet einen externen Link in einem neuen Fensterwww.rehalife.at)