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Kürzlich präsentierten Behindertenanwalt Erwin Buchinger gemeinsam mit Maria Egger (FAB) und Angela Wegscheider (JKU Linz) eine neue Studie zu Geschützter Arbeit. Die Studie untersuchte aktuelle Reformen bzw. Reformvorhaben sowie Anwendungsmodelle von Geschützter Arbeit und Unterstützter Beschäftigung in Deutschland, Großbritannien (England), Niederlande und Schweden. Als Referenz diente die Leistung "Geschützte Arbeit" nach dem Oberösterreichischen Chancengleichheitsgesetz.
FAB hatte die Studie in Auftrag gegeben. Mitfinanziert wurde sie durch die Behindertenanwaltschaft. Durchgeführt wurde die am Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik der Johannes Kepler Universität Linz.

Ähnliche Ziele, aber andere Wege

Österreich, Deutschland, Großbritannien (England), Niederlande und Schweden verfolgen in  der  Arbeitsintegration  von  Menschen  mit Beeinträchtigungen ähnliche Ziele. Diese Ziele sind von der UN-Behindertenrechtskonvention, der EU-Beschäftigungsstrategie 2020 und den Forderungen nach Inklusion und Individualisierung beeinflusst.Trotz den Bemühungen scheint die Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen in den genannten Ländern annähernd gleich hoch zu sein. Die Arbeitslosigkeit ist rund doppelt so hoch als  jene von  Menschen  ohne  Beeinträchtigung  (plus einer Dunkelziffer). Das Team stellte Unterschiede in den verfolgten Strategien und den tatsächlichen Ergebnissen fest.
Großbritannien und die Niederlande verfügen über  grundsichernde  soziale  Leistungen  und  kaum  besondere  Schutzregelungen  am  Arbeitsmarkt  (keine  Beschäftigungsquoten,  Kündigungsschutz,  hohe  Fluktuation  von  Arbeitsverhältnissen). In Deutschland, Schweden und Österreich sind hingegen die Sozialleistungen des konservativen bzw. sozialdemokratischen Typs ausdifferenzierter. Die Sozialleistungen verfügen über ein vergleichsweise  hohes  Leistungsniveau.  Ist  die  Arbeitsintegration  in  Schweden  insgesamt höher,  so  ist  die  soziale  Sicherheit  in  Deutschland  und  Österreich  häufig  nicht  flankiert  von Wahlmöglichkeiten und bedürfnisorientierten Erwerbschancen.

Hauptergebnisse zu Reformen der Geschützten Arbeit

Aktuelle Reformen in den untersuchten Ländern

Der Staat Deutschland erlegte  dem  ausgedehnten Werkstatt-Sektor eine stärkere Verpflichtung zur Vermittlung  auf  den ersten  Arbeitsmarkt  auf. Das heißt: weg vom „Taschengeld“ ohne sozialversicherungsrechtlicher  Absicherung hin zu sozialversicherungsrechtlicher Absicherung. Die "Werkstätten für behinderte Menschen" schaffen daher verstärkt Beschäftigungsformen  in den „Zwischenräumen“ zwischen Werkstatt und erstem Arbeitsmarkt. Diese liegen zwischen ausgelagerten Werkstattplätzen,  wo NutzerInnen  bei der Werkstatt  beschäftigt bleiben und sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen.
In Großbritannien brach mit der Schließung der staatlichen Remploy Factories seit 2012 der Geschützte  Arbeitsmarkt  ein, allerdings  ohne  für  viele  der  gekündigten  ArbeitnehmerInnen mit  Behinderungen Auffangprogramme zu entwickeln. Die  Arbeitslosigkeit  stieg. Auf Gemeindeebene existieren Anbieter für Geschützte Arbeit. Sie versuchen diese Lücke über verschiedenste, qualitativ unterschiedliche Programme zu schließen.
Die Niederlande haben haben im Verhältnis zur Bevölkerungszahl die höchsten Beschäftigungszahlen in der Geschützten Arbeit. Seit dem Jahr 2014 gibt es jedoch einen Aufnahmestopp. Derzeit wird in den Niederlanden verstärkt auf die Integration in den ersten Arbeitsmarkt gesetzt. Der Staat übertrug die Kompetenz für Job Coaching den Gemeinden.
Schwedens Beschäftigungspolitik  zeichnet  sich  durch  Kontinuität  aus.  Es begegnet dem großen Zuwach an Arbeitssuchenden  mit  Beeinträchtigungen mit dem Ausbau der beiden staatlichen Programme Samhall (Geschützte  Arbeit in eigenen Produktionsbetrieben) und SIUS (Unterstützte Beschäftigung).

Begleiterscheinungen

Die  Ausschreibung von Leistungen  der  beruflichen  Integration  über  ein  Bietersystem führt zu zunehmender Konkurrenz unter Trägern. Das ist auch in Schweden und Österreich wahrzunehmen. Während Geschützte Arbeit in Schweden und Deutschland stabil finanziert ist, setzt die Sparpolitik in Großbritannien und den Niederlanden dem Leistungsvielfalt zu. Das führt zu einer Ökonomisierung der Leistungen und einem Abschöpfen der „Arbeitsmarkt-Fitteren“.
Die Veränderung des Leistungsspektrums verändert aber auch die Wahlfreiheit der Zielgruppe hin zu mehr Wahlfreiheit. Anbieter von Geschützter Arbeit verändern ihr Angebot. Es werden Angebote von Geschützter Arbeit in hauseigenen Werkstätten zunehmend mehr mit Arbeitsbegleitung und Geschützter Arbeit in Betrieben am ersten Arbeitsmarkt verbunden.

Schlussfolgerungen für Geschützte Arbeit und Unterstützte Beschäftigung in Oberösterreich

Es ist eine Abkehr vom "entweder Geschützte Arbeit oder am ersten Arbeitsmarkt unbegleitet sein"- Denken sinnvoll. Die Anzahl von "Maßnahmen in Zwischenräumen" wächst. Das führt zu mehr bedarfsgerechten Angeboten für Menschen, die als "erwerbsunfähig eingestuft" werden.
Geschützte Arbeit in Oberösterreich stellt gerade bei schlechter Arbeitsmarktlage eine nachhaltige, arbeitsmarktnahe und sicherheitsgebende Beschäftigungsform dar. Der Ausbau erprobter Angebote ist eine wertvolle Investition in den Erhalt der Partizipation, Selbstständigkeit und Selbstbestimmung.
Rechtliche Rahmenbedingungen sollen ineinander greifen und so Lücken oder Fallen zwischen unterschiedlichen Systemen und Maßnahmen vermieden werden. Dazu gehören beispielsweise ein Rückkehrrecht in Geschützte Arbeit nach einem Arbeitsversuch am ersten Arbeitsmarkt oder der Erhalt der Anspruchsberechtigung von Transferleistungen.
Die Möglichkeit der Vermittlung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt stärker in der Maßnahme Geschützte Arbeit verankern: Spezifische Maßnahmen mit stärkerer Personenzentrierung  und individueller Förderung können  Geschützte  Arbeit  ergänzen und,  sofern  der  Wunsch  formuliert  wird, ArbeitnehmerInnen  mit  Beeinträchtigungen auf ihren Weg in den allgemeinen Arbeitsmarkt begleiten.
(von KI-I)
(Quelle: Presseaussendung der Johannes Kepler Universität Linz, Ergebnisse der
Studie „In Arbeit kommen und bleiben: Geschützte Arbeit und Unterstützte Beschäftigung in vergleichender Perspektive“)